Johannes der Täufer im Ruhrtalcenter

Da steht er mitten im Ruhrtalcenter, am verkaufsoffenen Sonntag, mit seinem Mantel aus Kamelhaaren und seinen langen Haaren und seiner dürren Gestalt und seiner mächtigen Stimme: Johannes der Täufer, der ältere Cousin von Jesus. Früher unterwegs in der Wüste, wo er sich von wildem Honig ernährte und den Leuten seiner Zeit die Leviten las. Jetzt back in town.

Er hält den Leuten eine Standpauke. Er erschreckt die Kinder, die doch eigentlich darauf warten, dass ihnen ein freundlicher Nikolaus ein Stück Schokolade schenkt. Er verwirrt die Passanten, die doch nichts tun wollen, als in Ruhe ihre Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Er unterbricht den Bürgermeister bei seiner Eröffnungsrede. Er ruft mit lauter Stimme: „Lasst sie sein, all diese Äußerlichkeiten. Lasst alles in den Regalen liegen. Ihr braucht das alles nicht. Geht nach Hause und macht euch da mal eure Gedanken, worauf es wirklich ankommt im Leben.“ Die Centerleitung hört das gar nicht gern, ruft die Polizei und Johannes wird abgeführt und die Passanten sind ganz froh über das Ende dieser Ruhestörung.

Aber mancher denkt beim Heimfahren auch bei sich: Ertappt. Erwischt. Und erinnert sich daran, dass der Advent nicht nur die Zeit der leckeren Lebkuchen und der kuscheligen Stimmung und der verkaufsoffenen Sonntage ist, sondern eigentlich und ursprünglich eine Zeit der Buße.  Buße, das heißt innehalten, stehen bleiben, sich bewusst machen, wie gut wir es haben und dass wir doch in allem äußeren Wohlstand innerlich oft arme Menschen sind. Buße heißt, der Sache auf den Grund zu gehen, sich nicht betäuben lassen vom Weihnachtsgedudel. Heißt: Stille und Bestandsaufnahme. Herausfinden, ob uns noch etwas heilig ist. Bewusst machen, was uns letztlich trägt im Leben und im Sterben.

Manchmal wünschte ich mir, Johannes der Täufer käme uns wirklich mal besuchen im Ruhrtalcenter. Und würde uns herausrufen aus unseren Selbstverständlichkeiten. Und würde uns aufschrecken aus unseren Gemütlichkeiten. Und würde uns klarmachen: Im Advent geht’s ums Ganze. Im Advent gehen wir alle schwanger mit der Liebe Gottes. Im Advent geht’s darum, die Liebe Gottes auf die Welt zu bringen.
 

von Pfarrer Martin Treichel, Wengern

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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