Siegen beim Verlieren

„Sobald ich ins Borstal kam, machten sie mich zum Langstreckenläufer…“ Beim Renovieren fiel mir neulich eine verstaubte Kiste mit den Jugendbüchern in die Hände. „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“, die 1959 geschriebene Erzählung des Briten Alan Sillitoe, lag obenauf. Eigentlich wollte ich an dem Tag noch ganz viel schaffen – doch dann fand ich mich auf dem Boden sitzend in ein Buch versunken wieder, das mich schon bald 30 Jahre begleitet. Ich tauchte wieder ein in die Welt des 17-jährigen Colin, der wegen Diebstahls in einer Erziehungsanstalt einsitzt und für den Ruhm des Direktors den alljährlichen Sportwettkampf der Anstalten gewinnen soll. Colin mag das Laufen, lernt auf den täglichen Trainingsrunden viel über sich selber, wird erwachsen – und schmiedet einen Plan: Er wird den Lauf verlieren, wird kurz vor dem Ziel langsamer laufen und einen Jungen aus einer anderen Einrichtung an sich vorbeiziehen lassen.

Leben wir nicht inmitten von Superlativen? Schneller, höher, weiter – das ist ja schon längst nicht mehr nur olympisches Motto, sondern bestimmt unseren Alltag. Immer mehr muss man schaffen, neben der Karriere auch noch die perfekte Ehe, die perfekte Familie, das beeindruckende Hobby und möglichst auch noch ein edles, karitatives Ehrenamt. Dazu: gesünder essen, netter zu den Nachbarn sein, umweltbewusster einkaufen, ein Instrument spielen und zwei Fremdsprachen lernen. Einfach „nur“ ist nie genug. Stillstand ist Rückschritt. Immer schneller laufen wir so in unserem selbst gewählten Hamsterrad – und wundern uns, wenn immer mehr von uns zusammenbrechen, im Burnout oder in Depression landen. 

Nun bin ich selber jemand, der mit jedem 100-Meter-Läufer mitfiebert; beim Abspielen der Hymne hab ich Tränen der Rührung in den Augen – vor allem, wenn „unsere“ Jungs und Mädels gewinnen. Ich finde es zwar nicht schlimm, wenn „meine“ Mannschaft beim Basketball verliert – aber wenn die Jungs sich keine Mühe geben, das kann ich nicht leiden, das verdirbt mir die Laune. Wettkampf, besser sein wollen – das gehört doch zu uns Menschen. Schon die Kleinen mögen es, sich zu messen – und das ist auch gut so. Ehrgeiz war und ist der Motor für vieles – doch falscher Ehrgeiz kann krank machen.

 „Das alles kann ich durch Christus, der mir Kraft und Stärke gibt“, so steht es in Philipper 4, 13. Alle Talente und Gaben sind von Gott gegeben – da ist es doch unsere Pflicht, sie auch einzusetzen. „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten.“ Sepp Herberger war zwar kein Evangelist, aber vielleicht wollte er mit seinem Satz auf eine große Chancengleichheit hinweisen. Auf dem Spielfeld und vor Gott sind wir alle gleich. Und das heißt übersetzt: Alles ist möglich. Alles kann passieren. Wer heute verliert, ist vielleicht morgen der Sieger. Wenn ich nicht die Hoffnung verliere, wenn ich an mich glaube. Und das darf ich, denn es gibt einen, der an mich glaubt. Was für ein wunderbares Versprechen: Gott sagt: Es ist gut! Du bist gut so, wie Du bist. Ein Gewinner oder ein zweiter Sieger.

 „Ich hab den Wettkampf des Direktors verloren, in Ordnung, aber meinen eigenen hab ich zweimal gewonnen“, weiß Colin am Ende des Buches. Er trägt selbstbewusst die Konsequenzen seines Handelns und geht gestärkt aus der scheinbaren Niederlage heraus. Manchmal gewinnt man eben auch, wenn man verliert.

 Freuen wir uns also ruhig auf die Spiele - und vergessen dabei nicht, dass es SPIELE sind. Und nutzen dabei den Sommer vielleicht mal zum Durchhängen. Schalten Sie einen Gang runter, verzichten Sie auf den ersten Platz - und genießen Sie es J

von Nicole Schneidmüller-Gaiser

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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