Lebendig, unbequem und mit lauter Stimme für Gerechtigkeit

01.07.2017 · Sommersynode beschäftigt sich mit verschiedenen Facetten der Flüchtlingsfrage

Unkomplizierte Nachbarschaftshilfe für Menschen in Not, politische Lobbyarbeit auf Landes- und Bundesebene, bewusster Umgang mit Ressourcen vor Ort und weltweit, Solidarität mit Christen in Ruanda, und ein kritischer Blick aufs eigene Konsumverhalten – auf der Sommersynode des Evangelischen Kirchenkreises Hattingen-Witten präsentierte sich an diesem Wochenende eine Kirche, die lebendig, manchmal unbequem, lebensnah und konsequent im Handeln ist und die anstehende Themen nicht nur benennt, sondern auch anpackt. Und das nicht nur in Wahlkampfzeiten…

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Wilfried Ranft, Wolfgang Schneider, Gisela Menden, Michael Waschhof, Sigurd Hebenstreit, Superintendentin Julia Holtz und der Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen, Albert Henz, (v.l.n.r.) zeigen durch ihre Schwerpunktthemen auf der Sommersynode des Kirchenkreises, wie sich das Handeln des Einzelnen und der Gesellschaft lokal und global auswirkt.

„Die Kirchen schrumpfen…“ So oder ähnlich drastisch liest und hört man in diesen Tagen, dass die Glaubensgemeinschaften  –auch die evangelischen – kontinuierlich an Mitgliedern verlieren. Das ist auch im Ev. Kirchenkreis Hattingen-Witten so, wenn auch nicht so rasant wie in anderen Regionen. Neben nur wenigen bewussten Austritten ist es vor allem der demografische Wandel, der sich negativ auswirkt. Noch 66.000 Protestanten zählte die kreiskirchliche Verwaltung im Januar des Jahres 2016  – das sind 1296 Gläubige weniger als im Vorjahr. Doch gleichzeitig machen die Menschen, die sich in den 16 Gemeinden des Kirchenkreises und in den zahlreichen diakonischen Einrichtungen, Diensten  und Gruppen  in Hattingen, Sprockhövel, Wetter und Witten engagieren, die Erfahrung, dass ihr Handeln intern gut tut und von Außen(stehenden) viel Wertschätzung erfährt.  

 

Gerade der kompromisslose Einsatz für Migranten und die konsequente Arbeit mit Geflüchteten bringt den Kirchenleuten Respekt von allen Seiten ein. So berichtete Albert Henz, theologischer Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen und als Referent auf der Synode,  von einem dringend vorgetragenen Appell eines Staatssekretärs an ihn: „Er sagte: `Bitte seien sie als Kirche laut! Mischen sie sich ein!´“ Das muss man den Christinnen und Christen an der Ruhr nicht zweimal sagen. (Den kompletten Vortrag des Vizepräsidenten Albert Henz als pdf zum Download finden Sie hier.)

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„Begegnungen, das gemeinsame Gebet und das vereinte Wirken in der an vielen Stellen zerrissenen Welt“, heißt es in einem von Pfarrer Michael Waschhof vorgestellten Papier, seien die theologischen Grundlagen für Partnerschaften in ökumenischer Weite. Ganz praktisch soll es wechselseitige Besuche geben, sowie auf beiden Seiten Arbeitsgruppen, die über das jeweils andere Land informieren.

Schwerpunktthema Arbeit mit Geflüchteten

 

Unter dem Vorsitz der neuen Superintendentin Julia Holtz, die im Januar in ihr Amt eingeführt wurde, nahmen sich die Synodalen auf der Sommersynode Zeit, sich mit den christlichen Wurzeln und den daraus resultierenden Aufgaben zu beschäftigen. Und konnten feststellen, dass es viele Möglichkeiten gibt, sich als Christin und Christ engagiert und zeitgemäß einzubringen. „Gerade die Arbeit mit Geflüchteten ist eine Kernaufgabe für uns Christinnen und Christen“, erinnerte die Superintendentin an die vielen Fluchtgeschichten, die schon in der Bibel zu finden seien.

 

Als einer der ersten Kirchenkreise in Westfalen installierte Hattingen-Witten bereits vor zwei Jahren, also zu Beginn der großen Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland, zwei Flüchtlingsbeauftrage und einen Arbeitskreis, um laufend anfallende Arbeiten zu organisieren, zu vernetzen, praktisch zu helfen, aber auch politischen Forderungen Gehör zu verschaffen. Die Arbeit vor Ort hat sich in der Zwischenzeit immer wieder verändert, die Zuzüge sind rückläufig, die großen Sammelunterkünfte teilweise wieder geschlossen und die Menschen, die bleiben, haben heute andere Bedürfnisse als in der Anfangszeit. Darum diskutierten die Synodalen in verschiedenen Arbeitsgruppen inhaltlich über Fragen der Integration und der Vielfalt in den Kirchengemeinden, informierten sich gegenseitig über die Erfahrungen mit Kirchenasyl und formulierten – und verabschiedeten - eine eindringliche Resolution gegen Abschiebung und Abschottung und für eine Vereinfachung des Familiennachzugs.

 

Neue Kirchenkreispartnerschaft mit Ruanda

Konsequenz im Sinne einer weltweiten Ökumene zeigt der Kirchenkreis auch mit dem – ebenfalls einstimmig gefassten – Beschluss, eine neue Kirchenkreispartnerschaft mit dem Kirchenkreis Gisenyi in Ruanda einzugehen. „Begegnungen, das gemeinsame Gebet und das vereinte Wirken in der an vielen Stellen zerrissenen Welt“, heißt es in einem von Pfarrer Michael Waschhof vorgestellten Papier, seien die theologischen Grundlagen für Partnerschaften in ökumenischer Weite. Ganz praktisch soll es wechselseitige Besuche geben sowie auf beiden Seiten Arbeitsgruppen, die über das jeweils andere Land informieren. Waschhof kümmert sich mit einer Viertelstelle vor allem um den Austausch mit den Vertretern des Kirchenkreises Gisenyi. Der Superintendentin Julia Holtz, die vor genau einem Jahr zur Besuchsgruppe in Ruanda zählte, war die Freude über das eindeutige Votum deutlich anzumerken: Die Eine-Welt-Arbeit, das ist kein Geheimnis, liegt ihr sehr am Herzen.

 

 

Möwe-Pfarrer Dietrich Weinbrenner verabschiedet

„Unser Handeln und Konsumverhalten vor Ort bestimmt das Leben der Menschen am anderen Ende der Welt“,  unzählige Male hat Pfarrer Dietrich Weinbrenner vom Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung (MÖWe) in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch auf Synoden dafür geworben, beim Einkauf, im Alltag und bei den kleinen und großen Entscheidungen des täglichen Lebens die globalen Auswirkungen zu bedenken. Patenschaften, aber auch Verkaufsstände mit fair gehandelten Produkten in den Gemeinden und die Hattinger bzw. Wittener Weltwoche sind aus seinem unermüdlichen Werben hervorgegangen. Besonders am Herzen liegt dem sympathischen Mahner die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion. Nicht erst seit dem weltweit betrauerten Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh 2013 setzt er sich ein im Kampf gegen Kinderarbeit, Lohndumping und gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen. Die Landeskirche hat Weinbrenner nun für die kommenden zwei Jahre beauftragt, in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen für den öko-fairen Einkauf von Textilien zu werben. „Bettzeug, Handtücher, aber auch Arbeitskleidung in Tagungsstätten, Krankenhäusern und Altenheimen – da kommt ganz schön was zusammen.“ Weinbrenners Nachfolgerin bei der MÖWe, Christina Biere, wird am 12. Juli eingeführt.

 

„Handybox" und Oikocredit

Ganz praktische Tipps und Anregungen gab es u.a. durch den informativen Vortrag von Gisela Menden, die „Oikocredit“ vorstellte. Mit dem Kapital ihrer Anlegerinnen und Anleger vergibt diese Genossenschaft Kredite und Kapitalbeteiligungen an Partnerorganisationen in 33 Ländern, die die sozialen und wirtschaftlichen Ziele von Oikocredit teilen. Das sind zum Beispiel Mikrofinanzinstitutionen oder Genossenschaften im Fairen Handel, die vor Ort Kleinbäuerinnen und -bauern unterstützen und Arbeitsplätze schaffen. (Den kompletten Vortrag finden Sie in Anhang als Download)

Pfarrer Wilfried Ranft appellierte als Vertreter des Umweltausschusses für einen bewussteren Umgang mit Rohstoffen. Unrühmlicher Spitzenreiter beim gedankenlosen Einsatz von Edelmetallen und sogar Gold sind geschätzte 104 Millionen veralterte Handys weltweit. Allein 2 Tonnen Gold schlummern so in dunklen Schubladen, während gleichzeitig Menschen, darunter viele Kinder, unter gefährlichen Umständen in Goldminen ausgebeutet werden. Um das wertvolle Coltan gibt es in Ost-Kongo grausame Kämpfe zwischen Rebellen und Soldaten. Unter der Gewalt leiden aber besonders die Zivilisten, besonders Frauen und Kinder. Im Rahmen der „Handyaktion NRW“ sollen nun in allen Gemeinden Sammelboxen aufgestellt werden, in denen ausgediente Geräte gesammelt und ordnungsgemäß recycelt werden.

Und wer es noch praktischer wollte, konnte in einer Naschecke Köstlichenkeiten aus dem Weltladen Witten probieren und kaufen. Der frisch gebrühte Kaffee aus Runda erwies sich dabei als echter Publikumsmagnet.

Personalien und Wahlen

 

Und schließlich wählten die Synodalen mit Pfarrer Ludwig Nelles noch einen neuen stellvertretenden Skriba und verabschiedeten sich mit lang anhaltendem Applaus von Ursula Müller. Für die langjährige Sekretärin der Superintendentur war dies die letzte Synode, auch wenn sie erst im August in den wohlverdienten Ruhestand geht. Superintendentin Julia Holtzz bedankte sich mit sehr persönlichen Worten und stellte der Synode auch die Nachfolgerin im Amt, Angela Kunze, vor.

 

Nicole Schneidmüller-Gaiser (Text und Fotos)

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Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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