Der Tod ist die sichere Wahrheit

24.09.2017 · Stadtrundgang über Friedhöfe von Juden, Christen und Muslimen in Witten

Rund um das Thema Sterben und Tod gibt es sehr verschiedene Stile und Formen. Jede Gesellschaft hat eigene Traditionen und Riten, um die Toten in ihre letzte Ruhestätte zu bringen. Der Ausdruck der Traurigkeit ist in einigen Kulturen etwas Selbstverständliches und Natürliches, wird extrovertiert nach außen getragen, während die Menschen in anderen Kulturen darauf achten, ihre Trauer zu verbergen oder nur in einer besonderen Atmosphäre auszudrücken. Deshalb organisierte die Erwachsenenbildung im Evangelischen Kirchenkreis Hattingen-Witten gemeinsam mit der Initiative „Religions for peace“ unlängst einen Ausflug zu den Gräbern der Stadt, um über die Traditionen und Riten zu erfahren, die von Christen, Muslimen und Juden praktiziert werden, wenn sie ihre Toten begraben, und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Traditionen zu entdecken. Die Veranstalter sagten in Ihrer Einladung, dass Friedhöfe herausgehobene Orte in unseren Städten sind. Sie erzählen vom Leid und von den Hoffnungen der Menschen. Ihre Gestaltung und Symbole haben sich durch die Zeiten gewandelt. Sie dokumentieren die unterschiedlichen religiösen und kulturellen Vorstellungen der Gemeinschaften, die dort ihrer Verstorbenen gedenken. In Witten besuchte eine Gruppe von etwa 25 Interessierten mehrere Friedhöfe: katholisch, evangelisch, jüdisch und auch ein islamisches Gräberfeld, das auf dem kommunalen Friedhof der Stadt Witten liegt.

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Einführende Worte über die Geschichte der Friedhofskultur gab es auf dem katholischen Marienfriedhof durch Dietrich Schwarze.

 „Friedhof“ kommt von „Umfriedung“

 

Unser Besuch startete auf dem katholischen Friedhof, dort erzählte uns zunächst Pfarrer i.R.  Dietrich Schwarze etwas über die Geschichte der Stadt Witten und seiner Friedhöfe. Das Wort „Friedhof“ klingt zwar wie „Frieden“, kommt aber vom mittelhochdeutschen Wort „vride“, das Umzäunung bedeutet. So nannte man Grundstücke, die durch einen Zaun geschützt waren, z.B. vor Tieren. Der pensionierte katholische Pfarrer Karl-Heinz Grenner berichtete dann etwas über die Entwicklung der Beerdigungskultur in der katholischen Kirche. Am Anfang akzeptierte die katholische Kirche keine Feuerbestattungen; die Toten wurden immer in einen Sarg gelegt und der Sarg wurde in der Erde begraben. Heute ist die Feuerbestattung auch für katholische Christen und Geistliche akzeptabel. Der neueste  Trend auf dem Marienfriedhof ist das frisch eingeweihte Kolumbarium an der Außenmauer. Ein Kolumbarium erinnert an altrömische Grabkammern, bei denen die Urnen in Reihen übereinander angebracht werden. Das Wort „Kolumbarium“ wurde ursprünglich für einen Taubenschlag verwendet.

 

Beim Besuch des Diakonissenfriedhofs berichteten zwei Frauen, Schwester Erika und Schwester Käthe, über die Geschichte dieses besonderen Friedhofs. Aus meiner Sicht (Ahmad) scheint ein zentraler Unterschied zwischen der christlichen Beisetzung und Beerdigungen in meiner Religion der zu sein, dass die christliche Kirche die Beerdigungsgebete macht, um die Toten zu trösten und nicht in erster Linie, um damit um Vergebung für die Sünden des Verstorbenen zu bitten.  Zudem werden muslimische – und jüdische – Gräber nicht nach einiger Zeit eingeebnet, denn in der Vorstellung dieser Religionen fährt auch der Körper in den Himmel auf. Eine Feuerbestattung ist im Islam nicht vorgesehen.

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Fast erinnern sie ein wenig an Soldatengräber – die letzten Ruhestätten der Diakonissen auf dem Schwesternfriedhof. Im Tod sind alle gleich und es kommt auf den Menschen an, nicht auf seine Herkunft. Diese Grabstätten sind ein großer Kontrast zu den oft prunkvollen Gräbern auf anderen Friedhöfen.

Diakonie unterstützte die Emanzipation der Frauen

 

Sehr interessant fand ich, welche Rolle die evangelische Kirche in Deutschland in der Vergangenheit als Arbeitsgeber spielte und welche Rolle die evangelische Kirche so bei der Emanzipation der Frau spielte. Früher hatten Frauen  in Deutschland üblicherweise nicht die Chance, einen Beruf zu ergreifen. Doch die Kirche gab ihnen die Möglichkeit, einen anerkannten Beruf zu erlernen, zu arbeiten und auch Weiterbildungen zu machen, als Schwester in der Kirche oder als Krankenschwester im Krankenhaus der Kirche. Sie wurden „Diakonisse“. Die Diakonisse ist eine Frau, die in einer evangelischen, verbindlichen Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft (Schwesterngemeinschaft) lebt und im diakonischen Dienst tätig ist. Früher konnte die Diakonisse nicht heiraten oder Kinder haben, aber heute sie hat die Erlaubnis zu heiraten. Auch die Ehemänner können dann der Gemeinschaft (Brüdergemeinschaft) beitreten.

 

 

Auf dem Islamischen Friedhof erfuhren die Teilnehmer schließlich, dass die Muslime ihre Toten nach einem festen Ritual waschen und dabei um  Vergebung für begangene Sünden beten. Dann begraben sie den Leichnam, ohne Kleidung und ohne Sarg,  aber in zwei Leichentücher gehüllt. Muslime, die der Tradition folgend schon einmal nach Mekka gepilgert sind, haben von dort ein Leichentuch mitgebracht. Wie beim christlichen Begräbnis, wirft die Trauergemeinde symbolisch Erde in das Grab; der Verstorbene wird dazu durch ein schräg aufgestelltes Brett geschützt. Das Zuschaufeln des Grabes wird anschließend – in Abwesenheit der Trauergemeinde – von Verwandten des Verstorbenen übernommen. Während der ersten 40 Tage nach dem Tod besuchten die Muslime ihre Toten wöchentlich, immer montags und donnerstags. Danach gibt es nur noch einen jährlichen Besuch jeweils zum Zuckerfest. Das ist ein Grund, warum die Grabstätten in den Augen vieler Deutscher vernachlässigt aussehen (obwohl es solche Gräber auch auf den christlichen Friedhöfen gibt). Pfarrer Schwarze erklärte außerdem: „Ursprünglich wurde die Grabpflege von Muslimen in Verbindung gesehen mit heidnischem Totenkult, und deshalb abgelehnt. Inzwischen hat sich die Gestaltung von Gräbern durch Muslime weltweit vielfältig weiterentwickelt.“

Neueste Entwicklung: Muslimische Grabfelder

 

Erst nach dem Mauerbau 1961 und der daraus resultierenden Anwerbung ausländischer „Gastarbeiter“ gab es im Ruhrgebiet in nennenswerte Zahl auch Muslime. Früher hatten die aus der Türkei und später auch aus Bosnien eingereisten Muslime Schwierigkeiten, ihre Toten zu begraben, wenn der Verstorbene seine Familie gebeten hatte, in der Heimat begraben zu werde. Einige Türken schlossen auch aus finanziellen Gründen lieber eine Versicherung für den Transfer des Leichnams von Deutschland in die Türkei ab, als die Kosten der teuren Beerdigung in Deutschland zu tragen.

 

Fazit (Ahmad): Der Tod die einzige und sichere Wahrheit, der Menschen aller Farben, Nationalitäten, Überzeugungen und Religionen zustimmen. Auch wenn sie sich im Detail der praktischen, sozialen und religiösen Realität unterscheiden, so stimmen sie doch alle der Wahrheit und Unvermeidlichkeit des Todes für alle Menschen zu. Deshalb bleibt der Tod die unbestreitbare Wahrheit. Der Tod trägt in seiner Natur den Widerspruch von "Gewissheit" und "Ungewissheit". Denn ein Mensch weiß, dass er sicher sterben wird, aber in derselben Zeit weiß er nicht, wann er sterben wird. Im Tod sind alle Menschen gleich.

Text und Fotos: Ahmad Shihabi und Nicole Schneidmüller-Gaiser

 

 

Hintergrund:

Wir schaffen das. Seit zwei Jahren schwebt dieser Satz wie ein Credo über all denjenigen, die sich in der Arbeit mit Geflüchteten engagieren. In der Anfangszeit war die Aufgabenstellung ganz klar: Freiwillige halfen beim Aufbau von Betten in den Sammelunterkünften, teilten Essen aus und organisierten Kleiderkammern. Sprachkurse und Kinderbetreuung halfen den Zuwanderern, die ersten Schritte in der neuen Heimat besser zu gehen. Doch wie geht es nun weiter? Von Integration ist viel die Rede: Die „Neuen“ sollen sich anpassen, sollen sich möglichst unauffällig einreihen und wenig auffallen – nicht durch extreme Religiosität, nicht durch extreme Kleidung – und sollen am liebsten ganz schnell so werden wie wir. Doch WIE sind wir denn eigentlich?

Die Ankunft der Neuen kann auch eine Chance sein, sich mit den eigenen Grundwerten, Traditionen und Ritualen zu beschäftigen. Offenheit auf beiden Seiten kann dazu führen, dass man auch die eigenen Positionen aus ihrer „Selbstverständlichkeit“ herausholt; indem man sich den Fragen des Anderen stellt und erklärt,  sieht man die eigene Welt plötzlich mit den Augen des anderen. Und wer sich gegenseitig erklärt, der entdeckt vielfach Gemeinsamkeiten, wo er Unterschiede vermutete.

Die Journalisten Ahmad Shihabi, 30, aus Damaskus / Syrien und seine deutsche Kollegin Nicole Schneidmüller-Gaiser, 46, haben sich auf den gemeinsamen Weg gemacht – und zur Interkulturellen Woche an einem Stadtrundgang über die Friedhöfe der Stadt Witten teilgenommen. Nicht als „Flüchtling“ und „Helferin“, sondern als Kollegen, die gemeinsam ihre Arbeit tun. Ihr gemeinsamer Bericht  möchte eine Einladung sein, die neuen Nachbarn als Menschen mit Vorlieben, Stärken, Hobbys, Erfahrungen und auch Schwächen wahrzunehmen – und sie nicht auf ihre Flucht zu reduzieren. (niki)

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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