„Wer singt, betet doppelt!“ Doch was?

27.11.2018 · Johannes Ditthardt sieht in der Vielfalt der Kirchenmusik die Zukunft

Noch bevor ich richtig sitze, werden wir schon unterbrochen. Johannes Ditthardt, Pfarrer an der Evangelischen Pop-Akademie in Witten und nebenberuflicher Kirchenmusiker, geht an sein Handy. Es geht um die Planung eines Gottesdienstes, genauer gesagt: Um die Liedauswahl. Der Anrufer hat sehr konkrete Vorstellungen, doch an der Reaktion des Theologen kann ich erkennen, dass Paul Gerhardt und Heinrich Schütz offenbar nicht zu den gewünschten Komponisten zählen...

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Johannes Ditthardt liebt und lebt Musik.

...Und kaum ist das unfreiwillig mitgehörte Telefonat beendet, sind wir auch schon mitten im Thema: Muss Musik in der Kirche zwingend Kirchenmusik sein? Was macht ein Stück zu einem lobpreisenden, wann ist es sakral, also geistlich genug?  Und umgekehrt: Kann Musica Ecclesiastica, wie Kirchenmusik lateinisch heißt,  heute noch populär, also  „bei der großen Masse bekannt und beliebt“ sein? Angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen? Überspitzt formuliert: Atemlos durch die Kirche - Helene Fischer an der Orgel?

Ganga-Rap in der Kirche?

Wer die Veranstaltungskalender in evangelischen, aber auch in den weltlichen Medien aufmerksam liest, stellt schnell fest, dass Musik in der Kirche nicht auf den Gottesdienst beschränkt ist. Schon lange sind Kirchen nicht zuletzt wegen ihrer guten Akustik beliebte Veranstaltungsorte für Konzerte aller Art. Vom Gospel bis zur Operette reicht die Liste der weltliche Stücke, die in Kirchen erklingen – Gangsta-Rap oder Techno kommen allerdings wohl eher nicht zur Aufführung.

Schon seit den 1960er Jahren, als die US-amerikanische Band The Crusaders Gläubige mit christlichem Rock in Aufruhr versetzte, wird Gott auch in jeweils modernen musikalischen Ausdrucksmitteln gepriesen. Die Anfang 2017 in Witten gegründete PopAkademie trägt dem Rechnung – statt Kantaten und Chorälen stehen hier Jazz, Rock, Pop- und Gospelmusik auf dem Lehrplan. „Die Reformation hat den Gesang vor 500 Jahren in die Kirche geholt und dabei immer auch Brücken zur Musik des Alltags gebaut, damit die gute Nachricht von der Liebe Gottes den Weg in die Herzen findet.“ Die Vision einer singenden und musizierenden Kirche, so heißt es auf der Internetseite, treibe auch heute die Evangelische Pop-Akademie an.

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Gospel, Klassik, Rock – Musik in der Kirche hat viele Facetten. Und das ist auch gut so, findet Pfarrer Johannes Ditthardt.

Wer singt, betet doppelt

Johannes Ditthardt  unterrichtet seit fast zwei Jahren an der PopAkademie die Themen Bandcoaching und Kindermusicals – und weiß gleichzeitig als erfahrener Gemeindepfarrer, dass sich der musikalische Alltag in den Gemeinden oft nicht lehrbuchmäßig darstellt. „Einen Kirchenmusiker beschäftigt heute kaum noch eine Gemeinde“, bilanziert er nüchtern. Aus der Besetzung mit Teilzeit- oder Honorarkräften ergebe sich dann oft eine Gratwanderung: „Profis einkaufen garantiert eine hohe musikalische Qualität, aber die haben in der Regel dann keine Anbindung an die Gemeinde.“

„Wer singt, betet doppelt“, soll schon Luther gesagt haben – und natürlich ist kein Gottesdienst ohne Musik und gesungene Preisungen denkbar. Doch wie ist die Kirchenmusik in den Gemeinden eigentlich sichergestellt? Gibt es Konzepte – oder ist das Angebot nicht eher von Zufällen abhängig? Dieser Frage spürt derzeit der reaktivierte „Ausschuss für Gottesdienst und Kirchenmusik“ nach – als Vorsitzender will Johannes Ditthardt mit den Ergebnissen dabei helfen, das Thema Kirchenmusik bei allen strukturellen Planungen fest zu verankern. Denn: „Vieles bleibt heute doch eher zufällig. Die wenigsten Gemeinden arbeiten da nach einem Konzept – eher nach dem Motto `das haben wir schon immer so gemacht´.“

Und so tummeln sich B- und C-Musiker, in Ehren ergraute klerikale Rockbands und musizierende Ex-Konfis in den Gemeinden des Kirchenkreises, begleiten Trauungen und den normalen Sonntags-Gottesdienst, und fühlen sich im Idealfall der Gemeinde so zugehörig, dass sie auch einen Chor leiten oder sogar Vorschläge machen, welche Stücke am besten zur geplanten Predigt passen. „Vor 20 Jahren gab es noch in allen Gemeinden einen Kantor – und der hat mit seinen Chören auch das musikalische Programm sichergestellt.“ Angst vor einer kirchlichen Zukunft ohne Musik hat der Ditthardt aber trotzdem nicht: „Es gibt wohl niemanden, in dessen Leben Musik keine Rolle spielt – und der sich nicht auch von Musik anrühren lässt.“

Musik in der Sprache der Hörer

Ditthardt selber kommt aus dem Siegerland – „da war es klar, dass ich in drei Chören sang und ein Instrument lernte“, erinnert er sich. Das Klavier ist bis heute „das Medium, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“ Zur Unterhaltung hört er Billy Joel oder Keith Green, dessen sozialkritische Gospel- und Folksongs Predigten gleich kamen – und dessen gefühlvolles Klavierspiel nun auch beim Schreiben dieser Zeilen die Hintergrundmusik bildet.

Schon Luther wusste um den Einfluss der Musik auf unsere Stimmungen und versah darum auch beliebte weltliche Lieder mit einem neuen, geistlichen Text. In einem Aufsatz über „Weltliche Musik in der Kirche?“ heißt es dazu treffend: „Gott zur Ehre und zum Ruhme musizieren kann man in jedem Stil, in jeder musikalischen Sprache. Will man aber, dass die Hörer dieses Anliegen verstehen und gedanklich oder tatsächlich miteinstimmen, dann muss man sich einer musikalischen Sprache bedienen, mit der die Hörer vertraut sind…“

Vielleicht findet nicht gerade die atemlose Helene Fischer Einlass in kirchliche Liturgie – doch damit unterschiedliche Menschen in der Kirche auch musikalisch „andocken“ können, braucht es für Johannes Ditthardt auch eine Vielfalt der Musikfarben. „Es wird schwierig, wenn man das Gefühl hat, keinen Platz mehr zu haben.“ Darum ist es wohl gut und richtig, dass es im Kirchenkreis so eine musikalische Vielfalt gibt – und dass jeder, der sich persönlich einbringt, das Angebot in seiner Gemeinde sogar noch erweitern kann. Von Luther ist der Satz überliefert „Musika ist das beste Labsal einem betrübten Menschen.“ Doch das  letzte Wort sei heute Johann Wolfgang von Goethe gegönnt: „Musik ist die schönste Offenbarung Gottes.“

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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