„Singen ist Kraftfutter für Kinderhirne“

15.09.2017 · Kindertagesstätten-Verbund sucht Singpaten, die mit Kindern musizieren

„Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen…“ Dieser Satz klingt doch selber schon wie ein Lied. Man muss wohl sehr unmusikalisch sein, um jetzt nicht spontan eine Melodie, ein paar Töne im Ohr zu haben. Sofort tauchen Bilder vor dem geistigen Auge auf – vom Lagerfeuersingen als Pfadfinder, von der Karlsbrücke beim Schüleraustausch in der damaligen Tschechoslowakei, auf der sich Jugendliche gegenseitig ihre Lieblingslieder vorspielten. Hochzeiten, Trauerfeiern, runde Geburtstage – keine Frage: Musik gehört zum Leben wie Lachen und Atmen. Doch bitten Sie mal beim Essen mit Freunden, gemeinsam ein Lied anzustimmen. Vermutlich folgt peinliches Erröten.

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„Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen…“

Die Freude am Gesang ist uns in die Wiege gelegt – das glaubt der Hattinger Neubürger, Soziologe und Musikpsychologe Dr. Karl Adamek. Er hat in seinen umfangreichen Studien zum Thema „Singen in der Kindheit“  herausgefunden, dass Singen für die gesunde Entwicklung von Kindern unverzichtbar ist. Darum will er die Freude am Singen so früh wie möglich fördern – und bereitet derzeit gemeinsam mit den Evangelischen Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis Hattingen-Witten das Projekt „Canto elementar“ vor. Gesucht werden: Menschen, die aus ihrer Kindheit gute Erinnerungen an gemeinsames Singen haben, Menschen, die wieder mehr singen möchten und die ihre eigene Freude am Singen an die Kleinsten ehrenamtlich weiter schenken möchten. Die Idee überzeugte nicht nur Pfarrerin Birgit Crone, die dem Trägerverbund als Geschäftsführerin vorsteht, sondern auch Hattingens Bürgermeisterin Margit Melsa, die spontan die Schirmherrschaft übernommen hat.

Im Interview mit Nicole Schneidmüller-Gaiser erklärt Karl Adamek die Idee.

Canto elementar – welche Idee steckt dahinter?

Kindergartenkinder, die einfach und leistungsfrei singen, entwickeln sich wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge auf allen Ebenen besser. Besonders ihre Sprachkompetenz und emotionale Intelligenz. Singen ist Kraftfutter für Kinderhirne, aber auch bis ins hohe Alter, wie der Neurobiologe Gerald Hüther feststellt.

 

Wird denn in den Familien nicht mehr gesungen?

Nur noch selten. Auch deshalb, weil das einfache Singen gesellschaftlich unterschätzt wurde und seit fast 40 Jahren bundesweit aus den Ausbildungsrichtlinien für Erzieherinnen und Grundschullehrer gestrichen wurde. Erfreulicherweise steht die Wiederaufnahme in die Ausbildungsrichtlinien im neuen Koalitionsvertrag NRW, worum ich mich seit vielen Jahren mit unserem Netzwerk Il canto del mondo bemühe.

 

Rudelsingen, Talentshows und der allgegenwärtige Knopf im Ohr – Musik, so scheint es, ist aus dem Leben auch junger Leute nicht wegzudenken. Warum setzt das Konzept schon im Kindergartenalter an?

Bis zum siebten  Lebensjahr erfolgen die entscheidenden Prägungen eines Menschen. Es wäre deshalb für unsere Gesellschaft sinnvoll, viel mehr Aufmerksamkeit und Geld in diese Lebensphase zu investieren. Wer im Kita-Alter Freude am Singen kennen lernt, behält sie in der Regel sein ganzes Leben lang und hat eine Kraftquelle bis ins Alter.

 

Wie läuft Canto elementar konkret in den KiTas ab?

Die Idee, dass Singpaten mit den Kindern singen, hat sich jetzt schon fünfzehn Jahre bewährt. Denn Kinder lernen am besten das Singen von Menschen, die selbst gerne singen. Bei den meisten Älteren ist das einfache Singen noch selbstverständlich. Etwa zehn Singpaten singen wöchentlich gemeinsam mit den Kindern in einer Kita. Das tut den Singpaten natürlich genau so gut wie den Kindern. Weil sie auch etwas davon haben, sind die bisherigen Singpatengruppen in anderen Städten schon mehr als zehn Jahre stabil und erneuern sich immer wieder selbstständig.

 

Gesungen werden sollen ja vor allem deutsche Volkslieder – warum? Ist das nicht anachronistisch?

Das kommt uns Deutschen oft so vor. In anderen Ländern wie Irland, England, oder den skandinavischen Ländern oder in Osteuropa wäre das noch nicht einmal eine Frage. Wir haben seit dem Missbrauch des Singens in der Nazizeit noch immer ein gebrochenes Verhältnis zum einfachen Singen. Wenn man weiß, dass Singen wissenschaftlich erwiesen unsere Gesundheit fördert und vor allem unsere Potentiale der Mitmenschlichkeit, dann ahnt man, was uns verloren zu gehen droht.  

 

Wer kann Singpate werden? Welche Qualifikation muss man mitbringen?

 Jede oder jeder, die oder der von Herzen gerne singt und das gerne an Kindergartenkinder weitergibt.

 

Fachleute, Pädagogen und Musiker loben das Projekt Canto elementar sehr – doch wie ist die Reaktion der Kinder?

Nicht nur die Kinder sind begeistert. Die meisten Singpaten sagen, dass das gemeinsame Singen der schönste Termin in der Woche geworden ist. Deshalb ist die Singpatenidee bundesweit erfolgreich und wurde mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet und wurde vom Bundesbildungsministerium als Bildungsidee für Deutschland ausgewählt. Auch die stellvertretende Bürgermeisterin von Hattingen Margret Melsa ist begeistert und hat gerne die Schirmherrschaft für Canto elementar in Hattingen übernommen. Hattingen könnte vielleicht als leuchtendes Beispiel die erste Stadt in Deutschland werden, in der es in jeder Kita Singpaten gibt.  

 

Weite Infos:

Weitere Informationen zu Canto elementar finden Sie unter www.cantoelementar.de

Mitte Oktober findeteine Einführung für zukünftige Singpaten statt. Anmeldung (möglichst zeitnah) und weitere Informationen gibt es über den Evangelischen Kirchenkreis bei Frau Brinja Niederste-Ostholt unter der Rufnummer 0 23 02 / 589 126 oder per Mail unter ostholt@kirche-hawi.de

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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