„Planen, hoffen, absagen, neu erfinden…“

12.06.2021 – Kirchenkreis entdeckt die Chancen der Veränderung – und bleibt sich doch treu

„Eine starke ¾-Mehrheit der Kirchenmitglieder lebt ihre Zugehörigkeit punktuell und situationsbezogen – und nicht durch regelmäßige Teilnahme an einer unserer Veranstaltungen. Für viele von uns ist das eine bittere Erkenntnis, denken wir doch Kirche gerne von der Gemeinde her, die sich sonntags unter dem Wort versammelt.“

Bereits zum zweiten Mal wurde die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Hattingen-Witten digital durchgeführt. Während Superintendentin Julia Holtz mit einigen wenigen Akteuren und jeder Menge Technik in der Christuskirche in der Sandstraße saß, blieben die knapp 75 Synodalen daheim an PC und Tablet.

Julia Holtz, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Hattingen-Witten, ist eine pragmatische, realistische Frau. In ihrem Jahresbericht anlässlich der Sommersynode mutete sie am Samstag den knapp 75 digital zugeschalteten Synodalen einen recht ungeschminkten Blick auf Gegenwart und Zukunft zu. Doch verzagt oder gar hoffnungslos wirkte sie dabei überhaupt nicht – und so zogen sich der Wille und die Fähigkeit zu Veränderung wie ein roter Faden durch die digitale Veranstaltung. Lebendig, kraftvoll und kreativ…

Es ist ein schmaler Grat: Die Kirche muss sich verändern, wenn sie bestehen will. Sie muss sich „am Markt behaupten“, sie muss sich öffnen, diverser werden, flexibler. Und möchte doch nicht diejenigen verlieren, die durch ihren regelmäßigen Besuch zeigen, dass sie die Kirche genau so schätzen, wie sie ist. „Wer ist Kirche“, fragte Superintendentin Julia Holtz schon zu Beginn der diesjährigen Sommersynode, und meinte damit auch: Für WEN ist Kirche. Sind es die drei Prozent der Sonntagskirchler, für die die Institution traditionell und vertraut ein Stück Heimat ist? „Oder sind es alle, die irgendwann eines unserer Angebote in Anspruch nehmen, sei es die kirchliche Hochzeit der Kollegin oder die Trauerfeier für den verstorbenen Nachbarn“, fragt Pfarrerin Holtz – und verweist auch auf all jene, die im aktuellen Angebot der Kirche etwas vermissen. Genau diese Menschen wollen die Verantwortlichen in den Gemeinden und Diensten stärker in den Blick nehmen – das war in jedem einzelnen Bericht und Wortbeitrag spürbar.

Veränderungsprozesse laufen schon seit zehn Jahren

Fast scheint es, als füge sich in diesen merkwürdigen beiden Jahren, die später einmal als die „Corona-Jahre“ in Erinnerung auftauchen mögen, vieles zusammen. Der Prozess der notwendigen Veränderungen und Umstrukturierungen wurde im Evangelischen Kirchenkreis schon vor mehr als zehn Jahren angestoßen. Zusammenarbeit über die Grenzen der Gemeinden hinweg, geteilte Pfarrstellen, Jugendarbeit, die von mehreren Gemeinden gemeinsam verantwortet wird – die parochiale, also an Gemeinde orientierte Kirche ist längst in Bewegung. Vor eineinhalb Jahren stellte der Kirchenkreis mit Klaus Martin Strunk einen Changemanager ein, der die Gemeinden in diesem Veränderungsprozess begleiten soll – sein Zwischenfazit: „Kirche denkt noch zu oft in Zäunen.“ Das Bild von einer Herde, die nicht durch einen Zaun, sondern durch Wasserstellen zusammengehalten werde, verwendete er bereits bei mehreren Presbytertagen, in denen die Angst vor Veränderungen genommen werden soll: „Wenn man eine Herde zusammenhalten will, sollte man keinen Zaun bauen, sondern eine Wasserstelle anlegen – das lebendige Wasser stillt den Durst und wird so zu einer freiwillig aufgesuchten Kraftquelle.“

Unterstützung aus den Reihen der Synodalen bekam Strunk für diesen Gedanken u.a. von Christina Biere, Pfarrerin für Mission, Ökumene und Weltverantwortung (kurz: MÖWe): Sie wünscht sich mehr Diversität – in den Angeboten, aber auch beim „Bodenpersonal“: „Es ist eine der Herausforderungen an die Kirche, diese Sicht zu überwinden – wir und die, drinnen und draußen – so hat Kirche keine Zukunft…“

Julia Holtz verabschiedet Christian Uhlstein aus dem Kirchenkreis. Der Pfarrer der Trinitatis-Kirchengemeinde wird im Sommer Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Attraktive Stellen im Kirchenkreis anbieten

„Attraktive Stellen im Kirchenkreis anbieten – das ist in den derzeitigen Strukturen oft schwierig“, lenkte Andreas Knorr als Vorsitzender des Strategie- und Strukturausschusses den Blick auf diejenigen, die hauptamtlich bei Kirche arbeiten. Stellen, die finanziell, von der Aufgabe her und im Umfang attraktiv sind, seien zunehmend schwerer zu besetzen – weil sich der Stellenplan immer an der Zahl der Gemeindeglieder orientiere. Natürlich könnten Gemeinden auch heute schon gemeinsame Vollzeitstellen für Pfarrer*innen, Jugendreferent*innen, Kirchenmusiker*innen, aber auch Sekretariats- oder Reinigungskräfte schaffen – „aber in der Realität gehen ja selten die passenden Personen aus zwei Gemeinden gleichzeitig in Rente“, so Knorr. Abhilfe schaffen soll darum ein neues Modell, mit dem der Kirchenkreis für eine Übergangszeit innerhalb eines Kooperationsraumes für eine Zwischenfinanzierung sorgt. „Natürlich muss klar sein, dass die Gemeinden hinterher gemeinsam besetzen und finanzieren wollen“, betont die Superintendentin und hofft, so verlässliche neue Strukturen schaffen zu können. „Das ist vielleicht nicht das Allheilmittel für all unsere Probleme – aber gewiss ein Mosaikstein“, warb Andreas Knorr für das Konzept, das vom Kreissynodalvorstand (KSV) ausdrücklich befürwortet wird.

Wie das praktisch funktionieren kann, erlebte der Kirchenkreis gerade selber im Bereich der Krankenhausseelsorge. Pfarrer Wilfried Ranft ist eigentlich schon seit einiger Zeit im Rentenalter – sein Kollege Oliver Gengenbach, zuständig für die Notfallseelsorge in Witten, folgt im Oktober 2022. Um nicht zwei halbe Stellen besetzen zu müssen, finanziert die Landeskirche derzeit die Verlängerung des Krankenhausdienstes – und im kommenden Jahr kann Superintendentin Holtz dann eine volle Stelle für beide Arbeitsbereiche gemeinsam ausschreiben. „Wir möchten dann die 5. Kreispfarrstelle des Kirchenkreises wiederbesetzen“, erläutert sie den Synodalen – eine Rücklage für etwa drei Jahre ist bereits gebildet, zudem haben die Augustastiftung und die Kämmerer der Kommunen Witten und Hattingen signalisiert, sich an der Finanzierung zu beteiligen.

Wie geht Kirche mit ihrem Geld um?

Auch das gehört zur Kirche im 21. Jahrhundert: Sie muss sich fragen lassen, was sie tut mit dem Geld, das ihr zur Verfügung gestellt wird. Seit einer lebhaften Diskussion um die Einrichtung einer kreiskirchlichen Kantorenstelle im Herbst 2019 bemüht sich Superintendentin Julia Holtz darum um noch größere Transparenz. Diesmal war Martin Barthelworth zu Gast, um den Synodalen zu berichten, wie die Creative Kirche die etwa 130.000 Euro einsetzt, die sie jährlich aus Kirchensteuermitteln erhält. Bartelworth, einer der beiden Gründer und Vorstände der „Crea“, begeisterte nicht nur durch seinen leidenschaftlichen Bericht über die Stiftung, die von Witten aus mit ihren knapp 30 Hauptamtlichen Projekte mit bundesweiter Strahlkraft entwickelt. „Wie können wir morgen noch in einem nicht-kirchlichen Umfeld relevant Kirche sein?“ fragte er die Synodalen an ihren Monitoren – und betonte ausdrücklich die Notwendigkeit, sich zu verändern: „Es ist Wahnsinn, nur Dinge zu tun, die wir immer getan haben. Wir leben nicht mehr 1972, 1980 oder 1990.“

Eher unfreiwillig haben alle Gemeinden in den zurückliegenden Monaten Coronabedingt neue Formate entwickelt, wovon auch in den eingereichten Jahresberichten immer wieder zu lesen war. „Mit ungläubigem Staunen haben viele Gemeinden festgestellt, dass die neuen Ideen bei den Menschen ankamen“, freut sich Superintendentin Julia Holtz. „Manches, was aus Not geboren wurde, hat durchaus einen eigenen Wert. Auf einmal denkt man darüber nach, ob man nicht manches auch ganz anders machen kann als bisher, etwas, das vorher unvorstellbar schien.“

Sich immer wieder neu erfinden

Den Wohnzimmer-Gottesdienst der Creativen Kirche etwa sehen mittlerweile 5000 Menschen im Monat – ein Format, das die Pandemie sicher überdauern wird. Doch auch von der Anstrengung, die Arbeit unter unsicheren Rahmenbedingungen immer wieder neu entwickeln zu müssen, berichten die Gemeinden. „Planen, hoffen, absagen, neu erfinden…“, das zehre an den Kräften und scheine doch alternativlos. Martin Bartelworth bleibt dennoch optimistisch: „Wir leben in einer Zeitenwende. Das mutet Gott uns zu. Das, was uns hierhergebracht hat, wird uns nicht weitertragen. Was aber bleibt, ist die Freude am Herrn. Und die trägt.“

 

Weitere Infos in Kürze:

  1. Nach dem Weggang von Pfarrer Christian Uhlstein ist die Position des stellvertretenden Scriba im Kreissynodalvorstand (KSV) vakant. Die Synodalen wählten Pfarrer Carsten Griese aus Rüdinghausen.
  2. Die bislang unbesetzte Stellvertretung des 3. Synodalältesten im KSV übernimmt Steffi Schmidt aus Bredenscheid-Sprockhövel.
  3. Zur Umsetzung des Kirchengesetzes zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, das am 1. März 2021 in Kraft getreten ist, schaffen die Kirchenkreise Hagen, Hattingen-Witten und Schwelm gemeinsam zwei Vollzeitstellen. Die hauptamtlichen Multiplikator*innen und Präventionskräfte sollen mit Hilfe des Konzepts „Hinschauen – helfen – handeln“ die Leitungsgremien schulen und sensibilisieren sowie vor Ort unterstützen, ein individuelles Schutzkonzept zu erarbeiten.

Bildergalerie

Eine Besonderheit der digitalen Synode: Grußworte aus aller Welt werden live eingespielt, und so grüßen uns heute neben der Ortsdezernentin Monika Pesch auch Rev. Joseph Ndagiro aus Gisenyi / Ruanda (oben rechts) und Bischof Pete Wilcox aus der Partnerdiözese Sheffield / England.
Auf seiner letzten Synode im Kirchenkreis gestaltete Pfarrer Christian Uhlstein noch einmal die Andacht. Auch darin ging es um Erneuerungen, Veränderungen und darum, sich den Aufgaben mit Kraft und Elan zu stellen.
Über ein ungewöhnliches Jahr berichtete die Superintendentin - an einem ungewohnlichen Ort hörte und sah das die Berichterstatterin ;-)
Nicht die zehn Gebote, aber zehn Thesen für den Wandel... Folie aus dem Bericht des Change-Managers Klaus Martin Strunk.
Führte wie gewohnt souverän durch die anstehenden Wahlen: Der Synodalälteste Dr. Klaus Wentzel.
Hin und wieder harkte der Livestream - doch die Videokonferenz für die Synodalen funktionierte einwandfrei. Trotzdem hoffen alle Beteiligten, dass die nächste Synode im Herbst 2021 wieder realpräsent stattfinden kann.
Zum Ende der Synode gab es Blumen für Superintendentin Julia Holtz - die hatte nämlich Geburtstag am Tag vor der Synode.

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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