Orgel-Musik zur Blauen Stunde

09.03.2021 – Mutmacher: Maria Cristina Witte sorgt für traumhafte Momente in der Pandemie

Das ist es, was vielen Menschen in der Pandemie fehlt: ein kleines Highlight, von dem man berichten und noch lange zehren kann. Ob Gespräche oder Fernsehen, Radio oder Tageszeitung, überall springt einen das gleiche Thema an: Corona! Dem setzt Maria Cristina Witte, die Organistin der St.-Georgs-Kirche in Hattingen, etwas entgegen.

Maria Cristina Witte, Kantorin und Organistin in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen.

Einmal in der Woche und an den weihnachtlichen Festtagen sogar täglich verwandelt sie mit Musik und einer stimmungsvollen Gestaltung die Kirche in einen Traumraum, in dem das Virus wie von selbst aus den Gedanken verschwindet.

 

„Unsere Kirche ist ohnehin immer geöffnet, jeder kann für einen Moment der Stille oder ein Gebet kommen“, betont Maria Cristina Witte, die seit 1993 das Leben der Kirchengemeinde als Kantorin und Organistin begleitet. Seither ist sie auch außerhalb der Gottesdienste oder kirchlichen Veranstaltungen an ein oder zwei Tagen in der Woche zu hören, wenn sie auf der historischen Roetzel-Orgel übt. Ob Pandemie oder nicht, auch Organistinnen müssen ihre Fertigkeiten trainieren und da kaum jemand eine Kirchenorgel im Wohnzimmer stehen hat, geschieht das eben der Kirche. In diesem Fall an einer Orgel des Orgelbauers Christian Roetzel, die von 1826 bis 1829 gebaut wurde und zu den wenigen Orgeln dieses Baumeisters gehört, deren Pfeifen fast 200 Jahre weitgehend unbeschadet überstanden haben.

 

Einfach kurz zur Ruhe kommen

 

In manchen Kirchen wurden die Orgeln im Krieg zerstört, aber es gab auch eine Zeit, in der wurden alte Pfeifen einfach weggeworfen, wenn etwas Neues kam. Nicht so in Hattingen, darüber ist die Organistin froh, weil es ein ganz besonderes Gefühl ist, auf solch einem historischen Instrument zu spielen. Und das tut sie fantastisch, da sind sich Pfarrer Udo Polenske, die Gemeindemitglieder und die spontanen Besucher der klingenden blauen Stunde einig.

 

Viele nutzen die Gelegenheit, für fünf, zehn oder 20 Minuten zur Ruhe zu kommen. Manch einer öffnet nur kurz die Kirchentür, um zu hören, wovon die Menschen in der Gemeinde reden, bleibt zwei Stunden und ist dann enttäuscht, dass das Klangerlebnis dann schon vorbei ist.

Während der klingenden blauen Stunde wird die Kirche nur durch Kerzen beleuchtet.

Thematisch abgestimmte Programme

 

Marie-Cristina Witte tut aber auch einiges dafür, dass die zwei Stunden, in denen sie spielt, zu einem Erlebnis werden. Sie verbringt viel Zeit damit, die Stücke so auszuwählen, dass die Kompositionen zusammen wie aus einem Guss klingen. Dazu nutzt sie neben der Orgel weitere Klanginstrumente, wie Klangschalen und Windspiele. Sie verbindet die Melodie eines Kirchenliedes mit freien Orgelwerken oder der Bearbeitung einer Komposition und achtet bei der Auswahl immer auf den Zusammenklang.

 

Diese Arbeit nimmt ein Vielfaches der zwei Stunden ein, in denen die Musik gespielt wird. Deshalb wiederholt sie die Programme, die stets thematisch abgestimmt sind. Die meisten Zuhörer nehmen ohnehin nur Teile des gesamten Ablaufs auf und selbst wenn jemand die gleiche Zusammenstellung zweimal hört, ist er vielleicht gerade in einer anderen Stimmung oder die Kirche strahlt etwas Anderes aus, weil das Licht anders fällt, die Kerzen anders gruppiert sind und vielleicht gerade ein guter Freund durch die Kirche flaniert.

 

Atmosphäre des Traumhaften

 

Das nämlich ist das Besondere an diesen offenen Musikstunden – jeder kann jederzeit kommen und gehen. Auch wenn das Musikprogramm für zwei Stunden konzipiert ist, damit diejenigen, die zwei Stunden in der Bank sitzen, stets neue Klangeindrücke bekommen, ist es immer möglich, für wenige Minuten zuzuhören und sich berühren zu lassen.

„Ich möchte mit meiner Musik eine Atmosphäre des Traumhaften und der Ruhe schaffen, die es erlaubt, sich zu entspannen, seinen Gefühlen nachzuspüren und spirituelle Erfahrungen zu erleben“, beschreibt Maria Cristina Witte ihr Motiv für das Projekt, für das sie sich immerhin jeden Sonntag und an allen Festtagen zwei oder drei Stunden verpflichtet.

 

Die Zustimmung der Gemeindemitglieder motiviert sie dazu, das Projekt fortzuführen, zumindest solange Gottesdienste noch nicht wieder möglich sind. Sie freut sich über Rückmeldungen wie die einer Frau, die nach dem Konzert beglückt erklärt, sie habe die ganze Zeit auf „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ gewartet und spürt, dass diese Frau beseelt nach Hause geht. Ebenso spornt es sie an, wenn sie mitbekommt, dass Passanten spontan in die Kirche kommen und bleiben oder sogar am nächsten Sonntag gezielt ihren Spaziergang nach der klingenden „Blauen Stunde“ ausrichten.

 

Auch für Cristina Witte selbst ist das ein Ausgleich zu all den Erlebnissen, die wegen des Virus nicht möglich sind, die Gottesdienste natürlich, aber auch die Konzertreihe in der Kirche, die sie sonst organisiert und die ihr ebenso fehlen wie der Gemeinde. Daher ist sie froh über die Möglichkeit, die die sich ihr in der St.-Georgs-Kirche bietet. So fühlt sie sich wie die Zuhörerinnen und Zuhörer für eine kurze Zeit in einer anderen Welt, in der Musik, Geist und Seele das Virus überdecken.

Text: Dr. Birgit Ebbert

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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