„Die Angst liegt hinter uns. Vor uns liegt die Zukunft.“

27.07.2020 – Neustart im Team – Hilfe für besonders Schutzbedürftige

Glück? Fügung? Oder einfach Zufall? Manchmal ist es schwer zu erklären, warum Dinge geschehen – oder eben nicht. Corona brachte Anfang des Jahres unser aller Leben aus der Bahn – doch für Fayola* (*Name geändert) hätte die Pandemie beinahe alles gefährdet, worauf sie so gehofft hatte. Gemeinsam mit ihren vier Kindern wartete sie in einem der berüchtigten nordafrikanischen Flüchtlingslager schon seit Monaten darauf, in eines der seltenen Reseattlement-Programme der UN zu gelangen. Irgendwann dann die erlösende Nachricht: Über das Projekt NesT (Neustart im Team) dürfe sie ausreisen, nach Deutschland. Weil sich in Witten an der Ruhr Menschen aus dem Evangelischen Kirchenkreis bereit erklärt hatten, sich um die Integration der zierlichen Frau und ihrer Kinder zu kümmern.

Das Pilotprogramm „Neustart im Team“ (NesT) ermöglicht die Aufnahme von besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen zusätzlich zu dem bisherigen humanitären Engagement Deutschlands.

Sigurd Hebenstreit, Presbyter in der Johannis-Kirchengemeinde, ist einer dieser insgesamt acht Menschen, die sie im Programm-Jargon „Mentoren“ nennen. Seit Monaten fieberte auch diese Gruppe dem Tag X entgegen – dem Tag, an dem man nach Friedland fahren und eine bis dahin unbekannte Gruppe von Menschen abholen würde. Anfang März, einen Wimpernschlag vor dem Lockdown, war es dann soweit: Im gemieteten VW-Bus ging es nach Norden, im Gepäck viel guten Willen und ein paar bange Fragen: „Ist man sich sympathisch? Gelingt die Kontaktaufnahme? Worüber redet man – wenn es eigentlich keine gemeinsame Sprache gibt?“

Eine Sozialarbeiterin der Caritas half den engagierten Wittenern – und, wer hätte das gedacht, der Fußball: „Die Stars des BVB sind offenbar weltweit bekannt“, erinnert sich Sigurd Hebenstreit schmunzelnd an die ersten zaghaften Wortwechsel. Es folgen: Ein erstes Gruppenfoto im Sonnenlicht, gemeinsames Lachen, weil die Aussprache der Vornamen nicht so richtig gelingt, schließlich die Ankunft in Witten.

Hier hatte das Mentoren-Team in den Wochen zuvor eine Wohnung angemietet, Möbel organisiert und aufgebaut, Absprachen mit dem Jobcenter getroffen. Der Evangelische Kirchenkreis sucht derweil Sponsoren für die Finanzierung der Wohnung. Mit der Ankunft der Familie an der Ruhr wollen sie richtig „durchstarten - doch dann kommt Corona – und damit Schwierigkeiten, die für alle Beteiligten überhaupt nicht planbar waren: „Unsere Aufgabe als Mentoren ist die Integration der Familie in die Gesellschaft“, erzählt Sigurd Hebenstreit. „Doch wie integriert man, wenn alles, in das hinein integriert werden soll, abgeschlossen ist?“ Geschlossene Schulen und viele Geschäfte, die Kontaktaufnahme zu vielen Behörden ist nur mit erhöhtem Aufwand möglich und an das Tragen der Masken müssen sich auch die Helfenden erst einmal gewöhnen. „Wie erklärt man den Ausnahmezustand, der für die neu angekommene Familie nur als deutsche Realität erscheinen konnte?“

Machen sich gemeinsam stark für NesT- Neustart im Team: Pfarrer Christian Uhlstein (links) und Dominik Brandt.

Die Mentoren geben alles, lassen sich nicht entmutigen, organisieren Sprachunterricht, machen drei Landsleute der Familie ausfindig und treffen sich mit der Familie, so oft es möglich ist. Mit den Corona-Lockerungen werden schließlich auch Besuche und gemeinsames Kochen möglich und es entwickeln sich schnell freundschaftliche Gefühle. „Es geht überraschend schnell, dass einem Menschen, die Dir vor einem halben Jahr noch fremd waren, als Herz wachsen“, beschreibt einer der Mentoren.

Doch wie es sich anfühlt, in einem fremden Land, in einem fremden Kulturkreis und umgeben von fremden Menschen neu anzufangen – das können die Mentoren kaum erahnen. Um etwas mehr über die Familie zu erfahren, führen sie mit Hilfe einer professionellen Dolmetscherin zwei ausführliche Gespräche mit Fayola und Kiano*, dem ältesten Sohn (25). Haben sie Angst vor dem, was vor ihnen liegt? Die Antwort macht betroffen und ist doch voller Optimismus: „Die Angst liegt hinter uns. Vor uns liegt die Zukunft.“

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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