Mit dem Warten kommt die Trauer

30.07.2021 – Nach Katastrophen brauchen Menschen neue Hoffnung und Zuversicht – darum sind auch die Seelsorger der Evangelischen Kirche im Einsatz

Sie haben gepumpt und geschippt. Geräumt und geschleppt. Gesichtet und vernichtet. Geputzt und gelüftet. Alles, was ein Mensch tun kann, wenn die Natur ihre Kraft gezeigt hat, haben sie getan an der Tippelstraße in Hattingen. Wie an so vielen Orten überall im Land, in der Nachbarstadt Hagen und in Dörfern, die es jetzt plötzlich nicht mehr gibt. Nun können sie nur noch warten. Darauf, dass alles trocknet. Darauf, dass jemand sagt, was repariert werden kann. Und darauf, dass die Handwerker kommen. Und beim Warten – fängt der Mensch an zu denken. Dann ist es gut, wenn jemand zum Reden und Zuhören kommt.

Ein Bild, wie man es derzeit vielerorts sieht. Aus dem Müll, den Wasser und Schlamm hinterlassen haben, ziehen Menschen Teddybären, Fotos oder – wie hier – Bilder heraus und stellen sie deutlich sichtbar auf. Ein Zeichen der Hoffnung. Foto: Kirchenkreis Hattingen-Witten.

Die fünf Männer, die am Mittwochmorgen durch das „Freizeitdomizil Ruhrtal“ gehen, haben weder Eimer noch Gummistiefel dabei. Und doch werden sie helfen. „Es ist wichtig, dass man seine Trauer, die Wut, die Ohnmacht irgendwo lassen kann.“ Ludwig Nelles und seine Kollegen sind erfahrene Seelsorger – und jetzt laufen sie von Haus zu Haus, schauen nach dem Rechten, fragen, wie es so geht. „Ach, im Vergleich zu anderen hatten wir doch Glück“ – das ist so eine Antwort, die die Seelsorger ganz oft bekommen. Klar. Anderswo – da gab es Tote und Verletzte, waren Menschen tagelang vermisst, wurden ganze Häuser mitgerissen. Doch der Schmerz über den Verlust ganz persönlicher Dinge, das Gefühl von Hilflosigkeit und der Schock über die eigene Verletzlichkeit, wenn das Wasser steigt und steigt – all das muss verarbeitet werden.

Ruhig und gelassen bewegen sie sich zwischen Zelten und Wochenendhäusern. An einigen Stellen wird noch gearbeitet, vor allem die Jüngeren schleppen noch Gegenstände, die von einem Tag auf den anderen zu Müll wurden. Auf einer Luftbildaufnahme war das ganze Ausmaß der Katastrophe zu erkennen – jetzt hat sich das Wasser wieder zurückgezogen. An den Wänden im Wohnwagen sieht man noch, wie hoch das Wasser stand. 1,50 Meter. Kühlschränke, Kommoden, Betten – alles, was niedriger ist, wurde geflutet. „Nachts habe ich das erst gar nicht als so bedrohlich empfunden“, erzählt langsam ein älterer Herr. Wie er haben viele versucht, zu retten, woran das Herz hängt, wollten bleiben – und mussten schweren Herzens aufgeben. Das schmerzt.

Die Luftbildaufnahme von Hans Blossey zeigt die Überschwemmung an der Ruhrschleife. Links neben der Ruhr liegt der Campingplatz.

Ludwig Nelles hört einfach nur zu. „In der Notfallseelsorge geht es nie darum, Ratschläge zu erteilen oder schnelle Lösungen anzubieten. Trauer braucht Zeit“, weiß der Gemeindepfarrer, der normalerweise in Niederwenigern arbeitet. Auch der Notfall-Seelsorger des Kirchenkreises, Oliver Gengenbach, und Pfarrer Dirk Scheuermann aus Nierenhof kennen solche Momente. Sie sind jetzt die stillen Helfer, die sich um Herzen und Seelen kümmern, die sonst so hart werden könnten wie der Schlamm, wenn er trocknet.

Die Hilfsbereitschaft im Land ist gigantisch. Kleidung, Essen, Möbel – teilweise viel zu viel, manches viel zu früh. Was gut gemeint ist, überfordert die Betroffenen zusätzlich. Gerade jetzt, wenn nach knapp zwei Wochen die Kräfte nachlassen. „Nach der ersten Phase des Aufräumens merken die Menschen, wie müde sie sind. Körperlich. Und Seelisch.“ Genau deshalb packen die Seelsorger nicht mit an, auch wenn es schwerfällt. Denn das würde unweigerlich dazu führen, dass die Betroffenen auch wieder aufspringen, räumen, sortieren. Manchmal ist Nichtstun das Richtige. Eine kurze Pause. Zum Sortieren der Gedanken und zum und Innehalten. Um dann – mit dem Pläneschmieden anzufangen.

Würde man versuchen, die Menschen im „Freizeitdomizil Ruhrtal“ mit einem Wort zu beschreiben – es wäre vielleicht „erschüttert“. Was sie nun brauchen, ist auch Hoffnung und Zuversicht – und die gibt es nicht für Geld zu kaufen. Die erwächst aus dem Gefühl, nicht allein zu sein. Aus der Schönheit eines Sonnenuntergangs, eines geretteten Bildes, oder aus einem guten Gespräch. „Ob ich wohl die Kraft habe, mir das alles wieder aufzubauen“, fragt ein anderer Mann leise. Und erzählt Ludwig Nelles dann von den schönen Stunden, die er seit seiner Pensionierung auf dem Campingplatz verbracht hat. Er merkt kaum, dass beim Erzählen durch die Erinnerung neue Kraft wächst.

Als Ludwig Nelles geht – greift der Mann wieder zum Besen. Und lächelt. Wenigstens ein bisschen.

Text: Nicole Schneidmüller-Gaiser

 

Die Notfallseelsorger und Gemeindepfarrer im Evangelischen Kirchenkreis Hattingen-Witten sind auch in den nächsten Tagen immer wieder in den betroffenen Gebieten unterwegs und stehen für Gespräche zur Verfügung. Darüber hinaus können Betroffene über den Notfallseelsorger Oliver Gengenbach immer auch individuelle Termine verabreden. Pfarrer Gengenbach erreichen Sie unter Telefon: 02302- 984 35 11 oder mobil unter 0172- 233 72 39.

 

Auch Sie können helfen:

Das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL), die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR), die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die Lippische Landeskirche haben ein gemeinsames Spendenkonto eingerichtet. Das Konto bei der KD-Bank lautet: 

Empfänger: Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. – Diakonie RWL
BIC: GENODED1DKD; IBAN: DE79 3506 0190 1014 1550 20 
Stichwort: Hochwasser-Hilfe

Falls Sie eine Spendenquittung benötigen, schreiben Sie Ihre Anschrift bitte mit in den Verwendungszweck.

 

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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