„Das ist vielen sehr nah gegangen…“

12.11.2021 – Online-Gottesdienste und Gespräche über den Gartenzaun: Wie Corona das Gemeindeleben verändert hat

Eigentlich war es nur eine „Notlösung“. Advent ist ja nicht nur die Zeit des Wartens, sondern auch die Zeit der Rituale – doch im Advent 2020 war fast nichts so, wie die meisten von uns es kennen: Keine Weihnachtsmärkte, kein gemeinsames Singen von Adventsliedern, kein Glühwein und kein Basar. „In dieser Situation haben wir in Niederwenigern die Aktion `Adventsfenster´ ins Leben gerufen“, erinnert sich Ludwig Nelles.

Die Aktion „Adventsfenster“ war im ersten Corona-Jahr eigentlich aus der Not geboren – kam aber im Dorf sehr gut an. Insgesamt 30 Fenster leuchteten liebevoll geschmückt und erfreuten an zwei Abenden die Spaziergänger*innen. Darum soll es auch in diesem Jahr wieder Adventsfenster in Niederwenigern geben.

Denn an der frischen Luft Spazierengehen, allein, zu zweit oder mit der Familie – das war trotz des Lockdowns möglich. Und so luden der Pfarrer und das Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde rund um Ideengeberin und Organisatorin Sarah Georg Menschen im ganzen Ort dazu ein, jeweils eins ihrer Fenster besonders zu gestalten und an zwei Abenden im Advent zu beleuchten. „Das kam super an – am Ende gab es 30 Fenster im ganzen Ort!“ Zu einer Zeit, als noch niemand gegen das Coronavirus geimpft war, konnten sich die Menschen so sicher und mit Abstand begegnen und es kam trotz der besonderen Umstände ein Gefühl von Gemeinschaft auf. Und für diejenigen, die nicht vor die Tür gehen konnten, machte Pfarrer Nelles Fotos von allen Fenstern und veröffentlichte sie im Gemeindebrief.

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen – da bin ich mitten unter ihnen!“ heißt es in Matthäus 18,20 – und darauf fußt doch eigentlich ein wesentlicher Baustein christlichen Lebens: Die Gemeinschaft gehört zum Christsein wie Beten und Singen. Was aber passiert mit einer Gemeinde, wenn genau das nicht mehr möglich ist? Kein Gottesdienstbesuch am Sonntag, kein Bibelhauskreis und keine Frauenhilfe, keine Konfiarbeit?

Ludwig Nelles und sein insgesamt sechsköpfiges Presbyterium hatten noch „Glück im Unglück“: Bei der Kirchenwahl im Februar 2020 wurde das bisherige Gremium komplett im Amt bestätigt – immerhin musste sich also niemand unter den besonderen Umständen neu einarbeiten. „Aber obwohl wir ein recht junges Presbyterium haben, hatten wir vorher keinerlei Erfahrungen mit Videokonferenzen“, erinnert sich der Pfarrer. Wie so viele andere auch, machten die 40- bis 60-Jährigen im Frühjahr 2020 die ersten Gehversuche mit Zoom, sogar bei der Vereidigung saßen alle vor ihren Monitoren – „…doch sobald die Lage es zugelassen hat, haben wir uns dann wieder real getroffen“, beschreibt Nelles, was viele Menschen wohl auch aus ihrem Berufsalltag berichten können: Videokonferenzen ersetzten eben nicht reale Begegnungen. Die Murmelpausen, das Gespräch beim Kaffee oder das Kaltgetränk nach der Sitzung - wichtige Momente der zwischenmenschlichen Begegnung, die für ein Gefühl von Zusammengehörigkeit sorgen.

Während des Lockdowns mussten die Menschen in Niederwenigern wie in vielen anderen Gemeinden nicht auf den Gottesdienst verzichten – unter dem Titel „Wennisches Wort“ predigte Pfarrer Ludwig Nelles im YouTube-Kanal der Gemeinde.

Was für die Organisation einer Gemeinde vielleicht suboptimal ist, ist in emotionalen Extremsituationen für die Betroffenen oft eine Katastrophe: „Für alle, die während des Lockdowns einen Menschen verloren haben, war das ganz, ganz bitter“, weiß Ludwig Nelles aus vielen seelsorglichen Gesprächen. Angehörige im Altenheim oder im Krankenhaus nicht besuchen zu können, sich von Sterbenden nicht verabschieden zu können – „das ist vielen sehr nah gegangen.“ Auch die Beschränkung der Teilnehmerzahlen bei Beerdigungen sei zwar nachvollziehbar, aber eben doch auch sehr schwer gewesen. „Es ist doch wichtig, den letzten Weg mitgehen zu können – auch, um einen Ort für die eigene Trauer zu haben“, so Pfarrer Nelles. Er selber führte so manches Trauergespräch mit den Hinterbliebenen am geöffneten Fenster im Gemeindehaus. „Abschottung kam für mich nie in Frage!“

Tatsächlich hatte der Gemeindepfarrer vor allem nach den ersten Wochen der neuen Corona-Zeitrechnung viel mehr zu tun, als sonst. Zwar fielen die sonntäglichen Gottesdienste weg – doch um den Kontakt zu den Gemeindegliedern zu halten, telefonierte Ludwig Nelles viel, machte Besuche über den Gartenzaun hinweg oder vor dem Küchenfenster. „Meine größte Angst war dabei nicht, dass ich mich infizieren könnte – sondern dass ich unwissentlich jemanden anstecke.“

Open-Air-Gottesdienste im Sommer, das „Wennische Wort“ als Online-Format im Youtube-Kanal und der klassische Brief alle paar Wochen an die Gruppenleitungen – Ludwig Nelles und seine Mitstreiter haben vieles ausprobiert, und manches habe sogar viel Spaß gemacht, erinnert er sich. Das Gefühl beim ersten Gottesdienst Pfingsten 2020, nach dem ersten Lockdown, sei dennoch unbeschreiblich gewesen: „Es war sehr, sehr schön, es kamen auch viele, die sonst nicht zu den regelmäßigen Kirchgängern gehören – und allen hat das Gemeinschaftsgefühl so gutgetan. Auch mir.“

Manches hingegen, was die Gemeinde „aus der Not heraus“ ausprobieren musste, war eigentlich richtig gut, so Nelles – und so kommt die Aktion „Adventsfenster“ in diesem Jahr zu einer Neuauflage. Die Fenster werden am 11. und am 19. Dezember ab Einbruch der Dämmerung beleuchtet werden; die Adressen der beteiligten Fenster werden im Gemeindebrief veröffentlicht.

Und was hat der Pfarrer ganz persönlich aus der Zeit des Lockdowns mitgenommen? Die Antwort überrascht vielleicht: „Ich habe bei vielen Online-Gottediensten, die ich selber angesehen habe, gemerkt, dass sie zu lang sind. Und im Nachhinein für mich beschlossen, die Länge meiner Predigten nochmal zu überdenken.“ Bleibt zu hoffen, dass die Gemeinde nicht an die Bildschirme zurück muss – und die kürzeren Gottesdienste auch im Winter in der Kirche genießen kann…

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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