„Da darf auch mal eine Träne über die Maske rollen“

08.10.2020 – Freundeskreis Kirchenmusik lässt sich nicht entmutigen / Gemeinde feiert Festgottesdienst zum Jubiläum

Über Konzerte haben wir hier schon oft berichtet. Dann wurde die Musik beschrieben, die Reaktion der Besucherinnen und Besucher widergegeben. Wenn der Anlass für das Konzert ein Jubi-läum war, haben wir ein bisschen Geschichte in den Text einfließen lassen. Wie man das in einem klassischen Bericht so macht. Doch in diesen herausfordernden Corona-Monaten ist vieles anders. Die meisten Konzerte finden gar nicht statt – zu groß sind die Unsicherheit und die Sorge, dass man statt Freude Viren verbreiten könnte.

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“ – wie wahr der Titel der Annener Kantate ist, erlebten die Mitglieder der Chorarbeit in Annen gerade auch in den vergangenen Monaten.

In der Kirchengemeinde Annen gab es Anfang des Jahres Pläne, wie man „125 Jahre Chorarbeit“ feiern wollte – natürlich mit einem großen Konzert. Dann kam Corona – und von einem Tag auf den anderen war alles hinfällig. Statt zu resignieren, wurden die musikbegeisterten Gemeindeglieder kreativ und weil der Weg dahin fast so schön zu verfolgen ist, wie der Festgottesdienst selber es war, gibt es heute keinen „normalen“ Konzertbericht, sondern eine Art Tagebuch – die widersprüchlichen Gedanken und Gefühle zwischen Resignation und Zuversicht kennen wir gerade wohl alle. Wolfgang Schneider aus Annen hat die Wochen der Vorbereitung und den besonderen Gottesdienst beschrieben – und so die Erinnerung an eine Zeit festgehalten, an die sich alle erinnern werden, die dabei waren…

 

 

 

Die Planung und Corona

Als wir uns Anfang des Jahres im Freundeskreis Kirchenmusik überlegten, wie wir das Jubiläum feierlich begehen können, hatten wir große Pläne: Wir wollen mit allen drei Chören und weiteren SängerInnen unsere fast hundertjährige „Annener Kantate“, geschrieben von Kirchenmusiker Alfred Rieks, mit großem Projektchor in einem Dankgottesdienst aus voller Kehle singen - laut und kräftig. Obwohl hier in Annen aktuell kein hauptamtlicher Kirchenmusiker ist, war alles so schön überlegt: Miso Kim, die kompetente und begeisternde Kirchenmusikerin aus Johannis, wollte den Projektchor leiten. Über ihre Zusage waren wir sehr froh. Ein großes Kuchenbuffet war geplant, DER bewährte Feiermagnet der Familie Stein, (die langjährige Kassenwartin des Freundeskreises). Ein fröhliches Beisammensein, Austausch von Erinnerungen mit Ehemaligen Mit-Sängern und Chorleitern, Freundinnen und Freunden der Kirchenmusik, der ganzen Gemeinde und schönes Wetter sowieso! Die Flyer lagen druckfrisch zum Austeilen bereit - und dann kam der Lockdown. Schrecken, Unsicherheit, Angst, … und: Ein Chorjubiläum ohne Chorgesang - unvorstellbar! „Dann muss es ausfallen, dann verschieben wir es in das nächste Jahr“. Enttäuschung, Trauer, Wut!

 

Neue Planung

Unvorstellbar? Die Kantate trägt die Überschrift: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“. Und weiter „… eine Hilfe in der großen Not.“. Das passt! Also jetzt erst recht! Dem Freundeskreis war es wichtig: Wir schweigen als Chor, weil wir niemanden gefährden wollen, aber wir können und wollen die Botschaft nicht verschweigen! Es galt also, eine Form zu finden, die niemanden gefährdet. Ein Sprichwort machte die Runde: „Lasst uns aus den Zitronen, die das Leben uns gerade bietet, eine leckere, stärkende Limonade machen.“ Neuer Elan erwachte beim Vorbereitungsteam: Wir müssen die Chorgemeinschaft betonen und vor allem Zuversicht schenken, die ganz vielen fehlt. Das uns Mögliche wollen wir versuchen, Verbindung halten, Neugier auf mögliche spätere Aktionen wecken. Auch wenn wir immer mal an Grenzen stießen: „Das geht wegen der Hygiene und den Abstandsregeln SO nicht.“ Aufkommende Mutlosigkeit „Hat das überhaupt Sinn? Es kommt doch eh keiner angesichts steigender Coronazahlen. Lasst es uns doch besser verschieben…“ Aber das Vorbereitungsteam hat sich immer wieder gegenseitig gestärkt und stärken lassen. Gemeinsam mit Pfarrerin Sabine Maiwald-Humbert haben wir einen ganz besonderen Festgottesdienst erarbeitet. Kleine Wunder durften wir schon im Vorfeld erleben: z.B. von unerwarteter Seite Unterstützung: „Wie schön, dass ihr das macht“, „Ich freu mich so drauf!“ „Ich möchte euch gerne (finanziell, musikalisch …) unterstützen.“ …

„Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stärkt, mit ihrem Gesang, ist mehr als eine Zweckgemein-schaft. Es ist eine Lebensgemeinschaft…“, betont Claudia Schneider, die Vorsitzende des Freun-deskreises, in ihrer Predigt.

Der Festgottesdienst

Die Kantate erklang rein instrumental, mit Orgel und Streichern (wie von Rieks vorgesehen). Die Singstimmen wurden von Soloinstrumenten übernommen. Der Text ist Grundlage der Predigt und wird vorgelesen. Diese ungewöhnliche Form bot die Chance, auch Neues als bereichernd zu erfahren. Es trifft auf hungrige, verletzte Seelen. Der Text wurde bewusster wahrgenommen. Die Verbindung von Wort und Musik konnte jede/r selber schaffen. Der Text der Kantate macht uns Mut. Gerade jetzt, in dieser unsicheren und verunsichernden Zeit! Egal, was passiert, ihr seid mit Euren Ängsten, Eurer Unsicherheit, Eurer Traurigkeit nicht allein, „Gott ist mit uns!“, er ist eure Zuflucht und Euer Schutz. Vertraut darauf! Beweise gibt es nicht, aber Erfahrungen, eigene, kollektive Erfahrungen der Sängerinnen und Sänger aus 125 Jahren … Schaut gemeinsam vor und mit Gott auf das, was Euch ängstigt - und lasst euch ermutigen; ermutigt euch gegenseitig.

 

Im Mit-Einander war Zuversicht und Stärke spürbar.

 

Die Predigt

Ein paar Zitate aus der Predigt  von Claudia Schneider, der Vorsitzenden des Freundeskreises:

„Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stärkt, mit ihrem Gesang, ist mehr als eine Zweckgemeinschaft. Es ist eine Lebensgemeinschaft - die Freud und Leid miteinander teilt, - und - wie in jeder Lebensgemeinschaft - mit Konflikten und Schwierigkeiten umgehen muss.“

 

„Ich verstehe das auch so, dass Rieks so noch einmal die Verbundenheit untereinander betont: Wenn wir die alten Lieder hören, die Texte singen, stellen wir uns in die Reihe derer, die mit und vor uns gesungen haben hier in Annen, mit den Psalmbetern, und mit all denen, die nach uns singen werden - das wird nicht aufhören. Im Musizieren habe ich gelernt: Ein Lied/ Stück immer so beenden, als ob man direkt wieder von vorne beginnen würde. Diese Verbundenheit bleibt und trägt über Raum und Zeit hinweg. Das gibt mir Halt und Kraft in unsicheren Zeiten, wie wohltuend, sich geborgen und aufgehoben zu wissen im großen Chor der Christenheit: zuhören, sich stärken lassen und dann - wieder mit einstimmen.“

 

„Unsere Kantate ist Zuspruch und Aufgabe zugleich und sie zeigt auch die besondere Chance und Aufgabe der Chor- und Kirchenmusik: Alte, uralte Texte (wie Psalm 46) finden in der Tonsprache der jeweiligen Zeit (Ein feste Burg; Rieks Kantate, rein Instrumental), in einem neuen Gewand immer wieder einen aktuellen Ausdruck. Musik war und ist ein „Herzstück“ von Luthers Theologie, geistliche Lieder sind nicht nur Träger der Klage und des Lobes der Christenheit, sondern sie verkündigen Christus, ja, in ihnen ist Gott / Christus unmittelbar anwesend.“

 

„Vertraut darauf und gebt es singend weiter!“

 

 

Mit Abstand die beste Festgesellschaft

Am Ende gab es noch eine Einladung zu einer großen, dezentralen Jubiläums-Teestunde ToGo: Die Tische dieser großen Tafelrunde stehen nicht beisammen, sie stehen verstreut in Annen und außerhalb. Verbunden durch einen Gruß in Form einer Tüte mit verschiedenen Leckereien (aus dem fairen Handel), mit der Jubiläumsschokolade und anderen Überraschungen. Gemäß der „Annener Tradition“, bei Chor-Konzerten jedem Sänger mit einer Rose zu danken, gab es auch noch eine Rose, wegen der besonderen Situation für jeden Gottesdienstbesucher als Tischschmuck ToGo, verbunden mit dem Wunsch, dass wir uns bald alle wieder gemeinsam zum Singen treffen können - und dann auch, wie geplant, mit einem großen Projektchor umso intensiver und kräftiger „unsere“ Kantate singen werden!

 

Die Neugier war groß und so sah man am Sonntagmittag in Annen viele Leute mit fröhlichen Gesichtern, bunten Tüten und einer Rose aus der Kirche kommen und in alle vier Himmelsrichtungen „ausschwärmen“ - nach Hause, oder um Tüten und Rosen denen zu bringen, die beim Gottesdienst nicht dabei sein konnten.

 

 

Die ersten Reaktionen

Zitate von Gottesdienstbesuchern, auch im Nachhinein persönlich, per mail oder Anruf:

  • „Ein sehr berührender Gottesdienst, der noch lange nachklingen wird“,
  • „Das war so schön, hat mir so gutgetan“,
  • „Ich bin so froh, dass ich gekommen bin“,
  • „Gerade in Coronazeiten: ein gelungener Ausgleich“,
  • „Schön, dass dieser schon angekündigte Termin stattgefunden hat, das tut so gut, dass es noch verlässliche Termine gibt“,
  • „Wunderbare Musik für die Seele“,
  • „Endlich erklingt die Orgel wieder“,
  • „Da darf auch mal eine Träne über die Maske rollen“,
  • „Am Ende eine süße Überraschung zum Mitnehmen“,
  • „Ich bin gespannt, wie die Kantate mit Chor klingt“,
  • „Danke für so viel „Nahrung“ für Leib und Seele“.

 

Wir hoffen sehr, dass wir bald wieder singen, sicher anders, denn wir sind anders: selbstbewusster, intensiver, lauter kräftiger - der den schützenden Abstand zum Nächsten überwindet. Für uns als Freundeskreis und für die Chöre Stärkung und Zuversicht, weiterzumachen.

Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Irischer Segenswunsch

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